Vom Paradies auf Erden

 

Einsam und allein ruht sie. Schneebedeckt, so weit das Auge reicht; so faszinierend rein und weiß, aber auch so kalt. Es scheint, kein Mensch hat diese Seele je betreten.

Wanderer, was fröstelt's dich? Du willst nicht länger hier verweilen? Der Gefühlskälte willst du entgehen, doch du weißt nicht, was in Wahrheit dir entgeht. Armer, du starrst auf die Oberfläche und ahnst nicht, was darunter liegt.

Tief unter Schnee und Eis verbirgt sich eine wundersam fruchtbare Erde. Du zweifelst? Hast du nicht gemerkt, wie unter deinen Füßen der Schnee wie Morgenreif getaut? Ein bißchen Wärme reicht bereits, um kostbarstes Land zum Vorschein zu bringen. Ist der Boden aber aufgetaut, so säume nicht, ein wenig Samen auszustreuen.

Sieh her, so dankbar wächst die Liebe: bald werden erste Keime sprießen, grün, zart und hoffnungsfroh. Du mußt ein guter Gärtner sein und dich um die jungen Schößlinge kümmern, denn noch stehen sie nackt und schwach da. Ach, wie leicht welken sie, wenn du sie vernachlässigst; wie rasch knicken und brechen sie, wenn du achtlos deine Schritte setzt!

Bei liebevoller Pflege und Fürsorge jedoch blüht und gedeiht es bald überall, und mannigfaltige Ernte ist deinem Mühen gewiß. Aus anfänglich winzigen Samen werden mächtige, vor Lebenskraft strotzende Bäume mit tiefem Wurzelwerk, weit ausladenden Ästen und einer Krone, die in den Himmel ragt. Aus dem Schenkenden wird ein Beschenkter: das Laub versorgt dich mit nötigem Sauerstoff, reifes Obst stillt deinen Hunger, und ein starkes Geäst spendet dir Schutz und Schatten.

Nun vermag nur eine große Katastrophe die Liebe wieder zu vernichten. Im günstigsten Fall aber erweckt unter dem Schnee ein Wanderer für zwei Menschen das Paradies auf Erden.

 

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Carsten Schmidt
c.s. 11/26/95
Christian Ey

 

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